Hinwendung nach Europa. Neuorientierung und Öffentlichkeitswandel im Staatssozialismus 1975-1989
In meiner Dissertation beschäftigte ich mich mit Europavorstellungen in der DDR, in Polen und in der ČSSR von 1975 bis zu den Umbrüchen des Jahrs 1989. Mich interessieren geschichtliche Erfahrungen und Zukunftsentwürfe, die sich auf „Europa“ beziehen. Ich beschreibe sie vor dem Hintergrund sich wandelnder Strukturen von Öffentlichkeit und variierender Grenzen des Sagbaren.
Der Blick in die offizielle und die verbotene politische Publizistik der Staatssozialismen zeigt den Widerstreit verschiedener Europaideen in den Gesellschaften. Einerseits gab es eine offizielle Europa-Repräsentation der Kommunistischen Parteien, die den Kontinent in einer „friedlichen Koexistenz von Ost und West“ sehen wollten. Hierzu beriefen sie sich auf die Schlussakte der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE). Sie war im August 1975 von den Regierungen fast aller europäischen Länder, der Vereinigten Staaten und Kanadas in Helsinki unterzeichnet worden. Dissidenten und Untergrundpublizisten hingegen forderten Menschenrechtsgarantien, die ebenfalls in der KSZE-Schlussakte vereinbart waren. Sie wollten in einem „Europa von unten“ die Bürgerrechte realisieren und die Teilung des Kontinents überwinden.
So wurde in den Gesellschaften der westlichen Staaten des Ostblocks intensiv um das „richtige“ Europa gerungen. Zentral in meiner Arbeit ist die (Be-)Deutungskonkurrenz zweier kontrovers diskutierter, sich gegenseitig ausschließender Transnationalisierungsoptionen: der dissidentisch geprägten Mitteleuropa-Idee und der sowjetischen Konzeption eines „Gemeinsamen Europäischen Hauses“. In der Auseinandersetzung mit den beiden Ideen in der politischen Publizistik drangen ursprünglich dissidentische Europaerzählungen allmählich in die offizielle Presse vor. Der Widerstreit leitete die Neuorientierung der zentraleuropäischen Gesellschaften nach Westen ein. Weil Debatten um „Europa“ hier bereits lange vor 1989 geführt wurden, traf die Forderung nach einer „Rückkehr nach Europa“ während des Zusammenbruchs des Kommunismus auf großes Interesse.
Ich habe mehrere wissenschaftliche Aufsätze über Europavorstellungen im Ostblock publiziert. Den “Traum von Europa” der zentraleuropäischen Dissidenten beschrieb ich in einem Tagesspiegel-Essay. In einem Gespräch mit einem Handelsblatt-Autoren stellte ich heraus, dass zentraleuropäische Denktraditionen zur europäischen Integration bis heute wirken und großen Einfluss auf die europäische Einigung haben. Das Magazin „Studiozeit“ des Deutschlandfunks interviewte meine Kollegen und mich zu unseren Forschungsergebnissen.
Hier eine Visualisierung des Themas, die ich auf dem Historikertag in Konstanz und am Mainzer Institut für Europäische Geschichte vorgestellt habe (Größe 1 Megabyte).
Heute habe ich mein Dissertationsmanuskript “Hinwendung nach Europa. Neuorientierung und Öffentlichkeitswandel im Staatssozialismus 1975-1989″ an der Europa-Universität Viadrina eingereicht. Es liegt nun zur öffentlichen Einsichtnahme aus – wer nicht nach Frankfurt/Oder fahren möchte, kann es gern bei mir per E-mail anfragen.